Statistisches Amt rechnet den Wohnungsbedarf klein

Stadt Stuttgart

»Sehr erstaunt« zeigt sich der Vorsitzende des Stuttgarter Mietervereins Rolf Gaßmann über eine neue Trendschätzung des städtischen Statistikamtes zum Wohnungsbedarf in Stuttgart, welche den Neubaubedarf bei nur 1.300 Wohneinheiten pro Jahr sieht.

Obwohl seit Jahren in den Bürgerumfragen desselben Amtes die zu hohen Wohnpreise in Stuttgart den Spitzenreiter in der Kritik der Bürger bilden, geht es von einem ausgeglichenen Wohnungsmarkt in Stuttgart aus (»Der jährliche Wohnungsbedarf in Stuttgart – neue Trendabschätzung« veröffentlicht in Statistische Monatshefte der Stadt Stuttgart, 05/2011). Die Statistiker begründen ihre Annahme mit angeblich »rückläufigen Einwohner-Haushaltszahlen des Jahres 2010 und hoher Bautätigkeit der vergangenen Jahre«.

Die Stuttgarter Realität

In der täglichen Beratung des Mietervereins Stuttgart sieht die Stuttgarter Realität jedoch anders aus. Viele Eigenbedarfskündigungen werden nur deshalb vor Gericht ausgetragen, weil die gekündigten Mieter in der Räumungsfrist keinen Ersatzwohnraum finden. Die Knappheit an Wohnungen führt seit Jahren zu hohen Mietpreissteigerungen. So weist das Wohnportal immoscout inzwischen bei Neuvermietungen Innenstadtmieten von 13,50 € aus, das sind 15% mehr als noch vor einem Jahr. Auch die Warteliste des Amtes für Wohnungswesen wird mit 3.200 Fällen in den letzten Jahren nicht kleiner, die Wartezeiten von bis zu 2 Jahren nicht kürzer.

Bislang ging das städtische Wohnungsamt noch von einem akuten Fehlbestand von 7.500 Wohneinheiten aus, die Landesstatistiker schätzten gar den Bedarf auf 15.000 Wohneinheiten. Allein die Wirtschaftskrise hat sich in den letzten beiden Jahren dämpfend auf die Wohnungsnachfrage ausgewirkt. „Die Folgen der Wirtschaftskrise können aber nicht als Trend für den Wohnungsbedarf in Stuttgart gewertet werden“, schlussfolgert Rolf Gaßmann. Trotzdem habe laut gerade veröffentlichter Berechnung des Statistischen Landesamtes die Bevölkerung in Stuttgart im Jahr 2010 um 4.940 Personen zugenommen.

Trend geht zurück zu den Städten

Die Verringerung der gemeldeten Einwohner durch Abmeldungen der Zweitwohnsitze habe dagegen nichts mit realem Bevölkerungsverlust zu tun, sondern seien Maßnahmen der Steuervermeidung der Bürger. Gaßmann kritisiert, „dass die Trendschätzung den Trend zurück zu den Städten völlig vernachlässigt“, obwohl die jüngste Erhebung der Landesstatistiker klar aufzeigt: Die großen Städte gewinnen Einwohner, der ländliche Raum verliert. „Aus unserer Beratungstätigkeit wissen wir, dass viele Menschen außerhalb Stuttgarts wohnen und weite Wege in Anspruch nehmen, weil sie kein adäquates Wohnangebot in Stuttgart vorfinden“, stellt der Mieterverein fest.

Zwar erwähnen die Statistiker, „dass ein größeres Angebot an Wohnungen auch einen Anstieg der Einwohnerzahl bewirken kann, und Wohnungsdefizite zu sinkenden Einwohnerzahlen führen“. Bei der Berechnung des Wohnungsbedarfs ziehen die Statistiker hieraus jedoch keine rechnerischen Konsequenzen und kommen auch deshalb zum erstaunlichen Ergebnis, dass zukünftig nur noch der Bau von 1.300 Wohneinheiten pro Jahr notwendig sei.

Falsche Schätzungen

Für falsch hält der Mieterverein auch die Schätzung des Ersatzbedarfs für wegfallende Wohnungen mit nur 0,2%. „Diese Annahme liegt an der untersten statistisch vertretbaren Grenze. Die Landesstatistiker gehen in einer gerade veröffentlichten Erhebung dagegen von einem Ersatzbedarf für Stuttgart von 0,45% des Wohnungsbestandes aus. Schon bei diesem Ersatzbedarf müssten allein 1.350 Wohnungen pro Jahr für wegfallende Wohnungen gebaut werden“, stellt Rolf Gaßmann fest.

Der Mieterverein befürchtet, dass die Kommunalpolitik aus der falschen Analyse auch falsche Schlussfolgerungen ziehen könnte. „Wenn nur noch 1.300 Wohneinheiten jährlich gebaut werden müssen, aber wie in den letzten beiden Jahren 1.500 Wohnungen entstehen, dann mache die städtische Wohnungspolitik offensichtlich alles richtig und Stuttgart steuert auf ein Überangebot an Wohnungen zu“, kommentiert der Mieterverein ironisch die geschönte Trendschätzung.

„Schon einmal haben die städtischen Statistiker mit falschen Prognosen von drastisch sinkenden Bevölkerungszahlen in Stuttgart die städtische Wohnungspolitik in den Schlaf gewiegt und damit große Wohnungsengpässe in Stuttgart mit verursacht“, kritisiert Mietervereinschef Rolf Gaßmann und fordert „eine an den Realitäten Stuttgarts orientierte Trendschätzung zum Wohnungsbedarf“.

Gez. Rolf Gaßmann


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